"Nicht einmal der Tod kann mich aufhalten"

 

Die Türkei und Russland einigen sich auf eine Waffenruhe in Syrien. Diese ist fragil. Noch immer sind Hunderttausende Bewohner Idlibs auf der Flucht. Doch Huda Khayti bleibt. Ich habe mit ihr gechattet.

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März 2020    |    Text: Sebastian Sele    |    Foto: zVg

Russland und die Türkei haben sich auf eine Waffenruhe in der syrischen Provinz Idlib geeinigt. Die grosse Frage: Hält diese? Noch während den Verhandlungen startete die Türkei einen Drohnenangriff auf syrische Truppen. Dabei starben Schätzungen zufolge 21 Soldaten. Auch frühere Waffenruhen in der Provinz wurden regelmässig gebrochen.

 

Mehr als 900’000 Bewohner sind seit Dezember vor den Kämpfen in Idlib geflohen. Fast alles Frauen und Kinder. Die Situation wurde unerträglich. Die Grenze zur Türkei ist zu, Kinder mussten erfrieren, Bomben fielen auf Flüchtlinge. Die Vereinten Nationen warnten vor der „grössten humanitären Horrorgeschichte des 21. Jahrhunderts“. Doch Huda Khayti bleibt in Idlib. 

Die 40-jährige Syrerin leitet etwas abseits des Marktplatzes der Provinzhauptstadt ein Frauenzentrum: das Women Support & Empowerment Center. Frauen werden dort über ihre Rechte aufgeklärt, erhalten juristische Unterstützung, lernen Englisch und Erste Hilfe.

Frau Khayti, Hunderttausende Menschen sind in den letzten Monaten aus Idlib geflohen. Sie sind geblieben. Wieso?

Das stimmt, viele sind gegangen. Doch es gab keinen sicheren Ort mehr, nicht einmal an den Grenzen. Es wurden jegliche Arten von Waffen eingesetzt, um die syrische Revolution zu beenden. Doch ich werde meinen Weg weitergehen und mich dabei von nichts und niemandem hindern lassen. Auch nicht dem Tod.

Sie waren früh Teil der Revolution, sind bereits 2011 gegen den syrischen Präsidenten auf die Strasse gegangen. Von welchem Syrien träumen Sie?

Alles, wovon ich träume, ist Frieden und Sicherheit. Von einem freien, unabhängigen und gesunden Syrien. Und davon, in meine Heimat zurückzukehren. Ich wurde 2018 aus Ost-Ghouta vertrieben. Heute lebe ich in Idlib. 

Haben Sie nie darüber nachgedacht, Syrien zu verlassen?

Ab und zu denke ich darüber nach, meine Familie zu besuchen. Sie lebt in der Türkei. Ich habe sie seit zwei Jahren nicht mehr gesehen. Aber die Grenze ist nun geschlossen. Das tut mir sehr weh.

 

Sie haben bereits vier Frauenzentren in Syrien aufgebaut. Wieso fokussieren Sie sich in Ihrer Arbeit auf Frauen?

Frauen spielen in der Entwicklung der Gesellschaft eine wesentliche Rolle. In der syrischen Revolution waren Frauen aber das schwächste Element. Darum muss ich ihnen helfen, trotz der begrenzten Möglichkeiten. In den Zentren machen wir das: Wir bieten unter anderem rechtliche, psychologische und soziale Beratung an. Aber auch Workshops zum Empowerment und zur Ausbildung. 

Ihr Kampf ist kein einfacher, braucht viel Energie. Woher nehmen Sie die Kraft?

Aus dem Glauben an meinen Beruf. Ich biete einen Dienst an, der allen zugute kommt. Vor allem aber den Frauen. Diese möchte ich nicht aufgeben. Das ist es, was mich weitermachen lässt. 

 

Die Türkei hat die Grenzen geschlossen, Sie sind gezwungen, vorerst in Idlib zu bleiben. Wie sieht dort ein normaler Tag für Sie aus?

Am frühen Morgen und am Nachmittag gehe ich zur Arbeit. Je nachdem auch einkaufen, ins Fitnessstudio oder zu Freunden. Ab und an machen wir auch Spaziergänge. Die Natur in Idlib ist sehr beeindruckend. Doch trotz solchen ruhigen Tagen, kann es hier keinen Alltag geben. Die Sicherheitslage ist schlecht. Durch die Bombenangriffe und die Vertreibungen seit Dezember hat sich die Situation verschlimmert.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto von Anas Aldyab von Pexels

Russland und die Türkei haben einen Waffenstillstand beschlossen. Lässt Sie dieser hoffen? 

Ich bin aufgewacht und habe keine Bomber gehört. Das ist gut. Doch auch in Ost-Ghouta gab es Waffenruhen. Diese sind immer gescheitert. Und es bleibt die Frage: Was wird aus den Vertriebenen in Idlib?

 

Sie blieben in Idlib, trotz den Bomben. Sie haben Frauenzentren aufgebaut, trotz den Islamisten. Haben Sie nie Angst?

Klar. Doch wenn ich die Angst spüre, flüchte ich mich in die Arbeit. Mein Ziel lässt mich die Angst vergessen. Dann entwickle ich weitere Dienstleistungen, arbeiten an Lösungen. Und ich weiss, dass ich meinem Team dabei vollkommen vertrauen kann.

 

Sie haben Ihnen nahestehende Menschen im Krieg verloren, ihren Bruder, eine Mitarbeiterin. Sie selbst waren Opfer eines Giftgasangriffes. Falls diese Frage erlaubt ist: Wie hat der Krieg Ihre Einstellung zum Leben verändert?

Ich habe gelernt, Geduld zu haben. Und dass dieses Leben ein Fingerabdruck ist, den man hinterlässt. Dieser Abdruck hat einen grossen Einfluss auf die Gesellschaft. Ich glaube daran, dass ich Frauen, die Ungerechtigkeit und Missbrauch ausgesetzt waren, einen Dienst erweisen kann. Das lässt mich mit meinem Leben voll und ganz zufrieden sein. Aber es könnte mich auch das Leben kosten.

 

Idlib ist die letzte Region Syriens, die noch in den Händen der Rebellen ist. Sollte auch Idlib an die syrische Regierung gehen: Was ist Ihr Plan?

Daran möchte ich nicht denken. Es gibt für mich keinen anderen Ort. Hier ist der letzte Ort, an dem die syrische Revolution noch lebt. 

 

Und was wünschen Sie sich für Ihre persönliche Zukunft?

Ich möchte mir eine Pause gönnen. An einen sicheren Ort gehen, meine Familie in der Türkei besuchen. Etwas an mich und meine Gefühle denken. Nach zehn Jahren Arbeit für die Frauen Syriens in Ost-Ghouta und Idlib wäre das angebracht. Doch das ist im Moment schwierig.

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